Der Museums-Mann

Michele Strippoli dokumentiert in Wernau die Unternehmensgeschichte von Junkers

Schon am Telefon fällt es schwer, sich seiner Liebenswürdigkeit zu entziehen: „Ich hole Sie ab“, sagt Michele Strippoli mit italienischem Charme. „Ich zeige es Ihnen.“ „Es“ – das ist das Junkers-Museum im Werk Wernau. Dort werden bis heute, mittlerweile unter dem Dach von Bosch Thermotechnik, Produkte der Firma Junkers hergestellt. Junkers wird wohl für immer unzertrennlich verbunden sein mit der legendären Ju 52, wenn auch „Tante Ju“ und andere Flugzeuge aus dem Hause des Firmengründers Hugo Junkers niemals das Hauptstandbein des Unternehmens waren.

Auf rund 155 Quadratmetern Fläche hat Strippoli im Andenken an Hugo Junkers vor allem zusammengetragen, was von den Anfängen erzählt: Bilder und Schriftverkehr von früher und Geräte vom Beginn des 19. Jahrhunderts, darunter eine Ju 52 im Maßstab 1:10, die man in Betrieb setzen kann. Alle diese Stücke haben ihre persönliche Geschichte und wer das Museum besucht, hört diese Geschichten aus dem Mund eines höchst Kundigen. Sicherlich war es nicht der italienische Charme allein, der Strippoli dabei geholfen hat, dieses Museum Wirklichkeit werden zu lassen. Vielmehr war eine Menge Enthusiasmus im Spiel, die Faszination für die Person Hugo Junkers und die enge Verbindung zu dem Unternehmen, das ihm mehr als vier Jahrzehnte lang seine Arbeitsheimat war. Schade habe er es gefunden, sagt er, dass zunächst im Wernauer Werk nichts angemessen an den Firmengründer erinnerte und seine Erfindungen keine passende Darstellung fanden. Nach mehreren Anläufen erhielt er die Erlaubnis, das Museum einzurichten. Strippoli reagierte „in Windeseile“, hatte er doch dazu schon alles vorbereitet. In einem ehemaligen Ersatzteil-Lager wurde im Dezember 2002 das Junkers-Museum eröffnet – die Junkers Geschäftsleitung sowie der Bürgermeister und Stadträte von Wernau und andere Gäste würdigten diesen Tag mit ihrer Anwesenheit.

Waren es anfangs nahezu ausschließlich Kollegen vor Ort, später Teilnehmer von verschiedenen Junkers-Schulungen, die auch im Museum vorbeischauten, so ist der Kreis der Interessenten inzwischen erheblich gewachsen. Etwa 300 Besucher im Monat aus aller Welt zählt Strippoli. Sie alle werden von Strippoli, der auch Hobby-Fotograf ist, aufgenommen und in einer Bildkartei festgehalten.

Die enge Verbundenheit zu Junkers nahm für Strippoli schon früh ihren Anfang. Frisch von der Deutsch-Internationalen Schule in Berlin holte das Unternehmen den aus Molfetta in Apulien stammenden zunächst als Dolmetscher in die Auslandsabteilung. Als freier Mitarbeiter hatte er zuvor einen so guten Eindruck gemacht, dass man ihm nicht einmal mehr Zeit für den Abschluss des Studiums geben wollte: „Sie haben mich gezwungen“, sagt Strippoli mit einem amüsierten Unterton in der Stimme. Am 26. Juni 1961 begann Strippoli bei Junkers. Das Unternehmen sollte ihn bis heute nicht loslassen, obgleich er im Juli 2004 offiziell in Rente ging. Wären da nicht die Pläne für das Junkers-Museum gewesen, könnte er sicherlich mehr Freizeit genießen, und wären da nicht die Begeisterung, die Ermunterungsbriefe der Museumsbesucher, die ihm immer wieder Anerkennung aussprechen und ihn anspornen weiterzumachen.

Viele Stationen hat Strippoli bei Junkers durchlaufen, auf eigenen Wunsch. Vom Montageband in die Reparaturwerkstatt, von der Lehre des Gas-Wasser-Installateurs bis zur Einführung des Infomobils, mit dem er zehn Jahre lang kreuz und quer durch Europa reiste, um Installateuren die Junkers-Geräte vorzustellen und sie damit vertraut zu machen. Viele Leute habe er damals kennen gelernt, viele Erfahrungen und Kontakte gesammelt, die ihm später beim Aufbau des Museums zu Gute kamen, meint Strippoli in der Rückschau. Lange Zeit war er schließlich als Kundendienstverantwortlicher für Baden- Württemberg im Einsatz und zuletzt im Reklamationswesen tätig. Strippoli betreut das Museum allein, ein Nachfolger ist bisher nicht in Sicht, scheint doch der Zeitaufwand abschreckend.

Strippoli hat noch viele Pläne für Museen an anderen Standorten von Bosch Thermotechnik. Bei Bosch Mailand hat er im „Centro di Formazione Termotecnica“ eine Museumsgalerie aufgebaut, in Aveiro/Portugal engagiert er sich dafür, die Geschichte an einem Ort zu sammeln. In Dessau, dem früheren Hauptstandort von Junkers, von dem aus die Gasgeräte und Flugzeuge ihren Siegeszug antraten, arbeitet er mit dem Förderverein „Technik Museum Hugo Junkers“ zusammen und unterstützt dort die Präsentation einer 200 Quadratmeter großen „Insel“ zum Thema Thermotechnik. Ein ganz besonderes Anliegen hat Strippoli mit Blick auf Lollar. Dort möchte er die Geschichte der Heiztechnik von Buderus gemeinsam mit Rainer Haus von der Bosch Thermotechnik Unternehmenskommunikation darstellen. Trotz aller Liebe zum Junkers-Museum, manchmal entfernt sich Strippoli ganz, ganz weit von seinem „Kind“, radelt mit seiner Ehefrau von Wernau aus nach Hamburg, Wien oder gar Budapest, um Abstand zu gewinnen – und kehrt mit neuen Museums-Ideen zurück.

Es spricht für den weiten, fortschrittlichen Geist des Technikpioniers Hugo Junkers, dessen 150. Geburtstag in diesem Jahr mit Vorträgen und Ausstellungen begangen wird, dass sein Unternehmen Junkers & Co. bereits um 1913 eine mit 83 Fotos nahezu ausschließlich bebilderte „Imagebroschüre“ herausgab. Für die deutsche Industrie der damaligen Zeit bedeutete diese Form der „Imagebroschüre“ nach heutigem Erkenntnisstand eine Pionierleistung, die Teil der Innovationen von Junkers war. In den „goldenen Jahren“ vor dem Ersten Weltkrieg standen Unternehmensportraits entweder als meist aufwändig gestaltete Jubiläumsbände oder in Form von broschierten Sonderdrucken von Zeitschriftenartikeln wie beispielsweise aus der Fachzeitschrift „Stahl und Eisen“ zur Verfügung.

Bei dem 1895 in Dessau gegründeten Gasgerätwerk Junkers & Co. waren die ersten illustrierten Preislisten vom Ende des 19. Jahrhunderts bereits im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts von zunehmend anspruchsvoller gestalteten Katalogen abgelöst worden. Diese hatten stets auch eine künstlerische Note. Insbesondere gilt dies für den Gesamtkatalog von Junkers & Co. aus der Zeit um 1905, dessen Titelbild ein außerordentlich gelungenes Beispiel für die Übernahme des Jugendstils durch die Industrie zeigt.

Das junge Thermotechnikunternehmen bezog im Frühjahr 1896 einen zweigeschossigen Fabrikneubau in Dessau (heute Wohnhaus), dessen Raumkapazität bereits zwei Jahre später schon nicht mehr reichte und einen ersten Erweiterungsbau auf dem Betriebsgelände notwendig machte. 1906 wurde von Junkers & Co. in Dessau eine neue Fabrikanlage errichtet, die aufgrund der anhaltend erfolgreichen Entwicklung 1911 wesentlich erweitert werden musste. In den Jahren 1912 und 1913 entstanden in dem vergrößerten Gasgerätewerk zahlreiche fotografische Aufnahmen, die im Firmenarchiv von Junkers & Co. überliefert sind, das sich im Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Dessau, befindet. Ein Großteil dieser Fotodokumentation diente als Bildvorlage für die Broschüre.

Der künstlerisch gestaltete Umschlag der Broschüre mit dem Schriftzug „Junkers“ vermittelt bereits, dass es sich hier nicht um Produktwerbung, sondern um eine „Imagebroschüre“ handelt. Die auf den Rücktitel übergehende Zeichnung zeigt die großräumige und architektonisch beeindruckende Fabrikanlage mit zahlreichen herausströmenden Mitarbeitern. So entsteht bereits ein dynamischer, nach Vorne gerichteter erster Eindruck. Dies setzt sich im Innenteil mit einer für die damalige Zeit erstaunlich modern anmutenden grafischen Darstellung der rasanten Umsatzentwicklung in der Zeit von 1901 bis 1912 fort. Eingebettet sind hier Abbildungen der zahlreichen Auszeichnungen, die „Prof. Junkers Gas-Apparate zur Warmwasser-Versorgung und Raumheizung“ seit der Weltausstellung in Chicago im Jahre 1893 erhielten.

Ein weiterer Ausdruck der neuartigen Form der Broschüre besteht darin, dass sich die schriftliche Unternehmensbeschreibung auf lediglich eine Textseite beschränkt. Einleitend heißt es hier, dass die Fabrik aus „kleinsten Anfängen hervorgegangen“ sei. Wegen ihrer technischen Innovationskraft und des stets vorherrschenden Prinzips, nur Produkte höchster Qualität zu liefern habe man sich „zu einer tonangebenden Firma“ entwickelt: „Die Konstruktionen beruhen auf wissenschaftlichen Forschungen, langjährigen praktischen Versuchen und reichen Erfahrungen.“ Die Apparate von Prof. Junkers seien auf ihren Gebieten „bahnbrechend geworden“ und stünden „nach wie vor an erster unerreichter Stelle“. Die größte „Anerkennung für ihre Güte“ bedeute die anhaltend starke Umsatzentwicklung.

Auf 38 Seiten wird in dieser frühen „Imagebroschüre“ Bildmaterial der Fabrikationsanlagen (einschließlich der früheren Fabrik), der kaufmännischen Bereiche sowie der Verkaufsstellen mit großen Ausstellungsräumen in Berlin, Köln, Stuttgart und Leipzig gezeigt. Ein Hinweis auf die zahlreichen Auslandsvertretungen von Junkers in Europa und auch in Übersee vermittelt am Ende der Broschüre das Bild eines international aufgestellten Unternehmens.

Der innovative Geist von Hugo Junkers zeigte sich auch später nicht nur bei der Entwicklung seiner Flugzeuge ab 1915 (das erste Ganzmetallflugzeug der Welt wurde in jenem Jahr in seiner in der Vorkriegszeit fotographisch bestens dokumentierten Fabrik gebaut), sondern auch bei der Unterstützung des Bauhauses, das seit 1925 in Dessau ansässig war. Zugleich machte sich Junkers den avantgardistischen, modernen Stil des Bauhauses für seine Werbung zu Nutze. Den Höhepunkt der Zusammenarbeit bildete der vom Bauhaus gestaltete Messestand von Junkers & Co. auf der großen Ausstellung „Gas und Wasser“ Berlin 1929, der von den Zeitgenossen als „epochal“ empfunden wurde.

Im Jahre 1932 ging das Gasgerätewerk Junkers & Co. an Bosch über, da Junkers während der Weltwirtschaftskrise in eine finanzielle Schieflage geraten war und durch diesen Verkauf seine übrigen Unternehmensteile zunächst vor fremdem Zugriff bewahren konnte. Die Tatsache, dass Junkers heute eine innovative und internationale Marke der Bosch Thermotechnik GmbH ist, zeigt auch in der Gegenwart noch die Nachhaltigkeit des innovativen Geistes des Firmengründers Hugo Junkers.

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Michele Strippoli - Gründer des Junkers-Museums